Keep It Deep review October & Borai - Sticky Fingers / Left Out

Keep It Deep review October & Borai - Sticky Fingers / Left Out

Keep It Deep review October & Borai - Sticky Fingers / Left Out (German & English)

 

October & Borai - Sticky Fingers / Left Out

 

English (short) version: BRSTL is a new label operating from, well, Bristol. The first release hits the stores with a team-up of two Bristol based artists, Borai and DJ October. The latter built his name and reputation as a dj, promoter and owner of Caravan Recordings, an imprint that is deep-rooted in bass-heavy music that is difficult to pidgeonhole. So are the two tracks on BRSTL #001. Impossible to tie down to a specific genre, they both are a deep bass-centered, jackin' and roughly raw orgy in music.

 

Mit diesem Eintrag bekenne ich mich süchtig. Süchtig nach der Tanstaafl Radio Show. Warum das so ist? Schliesslich gibt es wenigstens drei Dutzend andere Sendungen, die sich programmlich einem Sound verschreiben, der nur ganz selten vom Mainstreamradar erfasst wird. Das ist richtig. Doch die Tanstaafl Radio Show, ausgestrahlt und verbreitet über die Berliner Online-Plattform twen.fm, wird gestaltet von John Osborn und Julian Raymond Smith alias DJ October.

 

Er erstgenannte stammt ursprünglich aus London. Er hat die britische Hauptstadt jedoch gegen Berlin eingetauscht und ist seither im dortigen Nachtleben aktiv unterwegs. Der Zweitgenannte lebt und arbeitet in Bristol. Dort zählt er längst zur Stammelf dieses "new sound of Bristol", den wir mühevoll und oft vergeblich in Dubstep- oder Techno-Kisten verpacken wollen. Und genau darin liegt für mich auch der Wert ihrer Radiosendung: John Osborn und DJ october spielen auf Grund ihrer ausgesprochen guten Kontakte in die Garagen- und Kellerstudios der Stadt Bristol jede Menge Dubstep-/Techno-/House-Hybriden, die sowohl die Genrebezeichnungen als auch die Tanzflächen kräftig durcheinander wirbeln.

 

Vor etwa zehn Tagen war es an Julian Raymond Smith, eine Ausgabe dieser Radio Show zu bestreiten. Er begann mit einem Track, dessen industriell düsteren Soundscapes ein dystopisches Klangbild zeichneten - passend zur derzeitigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage. Das unablässig metallische Pochen, das wenige Takte später einsetzte, kam mir vor wie ein ernst zu nehmender Mahnschlag, der einen in letzter Minute aufwecken und auf den dringenden Änderungsbedarf in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hinweisen möchte. Der Mix ertrinkt jedoch nicht völlig in schwarzgrauen Klangfarben. Stücke von Omar-S, Fred P sowie der Klassiker "Luv Time von Mike Huckaby erscheinen darin wie zarte Lichtspuren an einem dunklen, unheilvoll dräuenden Horizont.

 

Und dann blendete DJ October über in einen Track, dessen Bass ganz Bristol war. Ein wenig "ghetto basement" sowie "sex'n'sleaze" haftete ihm an. Auch die Beats waren sehr rough. Allerdings könnten der Bassgroove und die Drumpattern auch ein Chicagoer Gütesiegel tragen, ohne sich dabei dem Vorwurf der Herkunftsttäuschung und Rufausbeutung auszusetzen. Und die Synth Pads? Die Melodie? Deren harmonisches Gefüge und Tonalität - schwebende Melancholie, sanfte Tristesse - weisen diese nicht ausdrücklich auf Detroit hin? Man könnte diesen Track noch weiter zerlegen. Man könnte die einzelnen Bestandteile mittels Audiospektralanalyse untersuchen, ihre TOnfrequenzen in visuelle Muster übersetzen und anschliessend Einflussspuren ausmachen, die mal mehr, mal weniger Chicago, Detroit, Bristol oder sonst etwas beinhalten.

 

 

Und dann? Ein Scheuklappen tragender Anhänger Bristol'scher Bassmusik wäre enttäuscht. Zu wenig Dub unten rum, kaum verdrogt, also weder "wobbly" noch "wonky". Der House-Gelehrte hingegen sähe mit Sicherheit die Regeln seines Chicago- oder Detroit-Dogmas aufgeweicht, trotz der Roughness, trotz der leicht hinkenden Gangart der Beats. Doch die Begrenztheit findet ja zuerst immer im Kopf statt.

 

Das Schöne an der Jetztzeit ist: die Fundamente der elektronischen Musik sind ausgehoben. Auch die Verschalungen sind gebaut. Doch was die einzelnen Soundarchitekten darauf aufbauen, wie das fertige Gebäude letztendlich aussieht, entscheiden sie alleine. Dementsprechend gehen DJ October und sein Produktionspartner Borai, der ebenfalls aus Bristol stammt, zwar mit dem notwendigen Respekt, aber ohne falsche Ehrfurcht vor den Traditionen an den Schaffensprozess heran. Dies hat zum Ergebnis, dass "Sticky Fingers" und "Left Out" schroffe, stoische Beat Pattern, schwere Tieftonbässe und kantig harte Claps zu einem Groove vermengen, der auch Jack, den Göttergiganten schlechthin, zweifeln lässt an seiner Grund- und Schlussteinfunktion.

 

Erscheinen wird diese 12" auf einem neuen Label namens BRSTL, für das sowohl Idle Hands als auch Punch Drunk / Rooted Records gewisse Vaterfunktionen übernehmen werden.